Calçots@ Bar Raval, Kreuzberg

Atilano schaut verträumt aus dem Fenster der Bar Raval ins Berliner Elend.

„In Katalonien brennen jetzt überall Feuer. Du hörst das Lachen der Kinder, das Rufen der Erwachsenen; es riecht nach Rauch und frisch gegrillten Calçots, irgendwer hat bestimmt eine Gitarre mit …“

Der Regen rinnt über die großen Scheiben der Bar und jedem Alltagsphilosophen ist klar, dass an einem solchen Tag das Glas immer mindestens Halbvoll zu sein hat!

„Genauso stelle ich mir das auch vor,“ bestätige ich mit einem Seufzer. „Äh … was sind eigentlich Calçots?“

„Du kennst Calçots nicht? Also!“ sagte Atilano und lehnt sich auf den Tresen.

Die Geste kenne ich. Als gelernter Zuhörer senke ich den Kopf, spitze die Ohren und lausche der Belehrung:  Calçots sind eine ganze bestimmte Art von Frühlingszwiebeln, die aus der katalanischen Provinz Lérida stammen. Das ganze Ritual des Zubereitens auf offenem Feuer und der gemeinsame Verzehr wird Calçotada genannt. Die Calçotada soll ihren Ursprung in der Gegend um Valls haben, der Nachbarprovinz Tarragona. Wie immer war es ein Zufall: Ein Bauer ließ seine Calçots zu lange auf dem Feuer, sodass sie außen ganz verkohlt waren. Aber satt sie wegzuwerfen, puhlte er das Schwarze ab und entdeckt den zarten, aromatischen Inhalt: ein Fest war geboren!

„Wir haben hier in Kreuzberg mal eine Calçotada gefeiert,“ Atilano verdreht die Augen vor Entzücken. „Da mussten wir das Feuer drüben im Görlitzer Park auf dem Grillplatz machen – haben die Calçots in Zeitungspapier gewickelt, in Kisten hierher zu Bar getragen … war ein Riesenspaß. Daniel schwärmt heute noch davon …“

„Wo steckt eigentlich Daniel Brühl gerade?“ will ich wissen.

„Ich glaube der dreht gerade in Prag,“ Atilano zuckt mit den Schultern und ist wieder beim Thema: „Die wichtigste Sache habe ich fast vergessen – das ist natürlich die Romesco-Sauce. Die macht aus den Zwiebeln erst den ganz besonderen Genuss!“

„Oh, das erinnert mich an Weißwürste.“

„An Weißwürste? Was hat eine Calçotada mit Weißwurst zu tun?“

„Naja,“ sage ich. „Alle machen immer ein Riesengewese um die Würste, aber das wirklich geile daran ist der Senf!“

„Romesco-Sauce!“ sagt Atilano.

„Der Gin, das Tonic!“ sage ich.

Wir bleiben dann doch beim Rioja Edición Vega Saja.

Sehnsucht ist auch ein schönes Gefühl.

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